Gedichte Wunsch


Gedichte - Wunsch

Sammlung an Gedichten mit Bezug zum Wunsch für Leserunden und Gedächtniseinheiten.

 


Die Bauernmädchen aber sind
In Ruhe mehr genährt,
Und darum wünschen sie geschwind,
Was jede Mutter wehrt.
Oft stoßen schöckernd Bräute
Den Bräut'gam in die Seite,
Denn von der Arbeit, die sie tun,
Sich zu erholen, auszuruh'n,
Das können sie dabei.

Johann Wolfgang von Goethe

 

 

 

 

Wunsch eines jungen Mädchens

O fände für mich
Ein Bräutigam sich!
Wie schön ist's nicht da,
Man nennt uns 'Mama'.
Da braucht man zum Nähen
Zur Schul' nicht zu gehen;
Da kann man befehlen,
Hat Mägde, darf schmälen,
Man wählt sich die Kleider,
Nach Gusto den Schneider.
Da läßt man spazieren
Auf Bälle sich führen,
Und fragt nicht erst lange
Papa und Mama.

Johann Wolfgang von Goethe

 

 

 

 

Niemals

Wonach du sehnlich ausgeschaut,
Es wurde dir beschieden.
Du triumphierst und jubelst laut:
Jetzt hab ich endlich Frieden!

Ach, Freundchen, rede nicht so wild,
Bezähme deine Zunge!
Ein jeder Wunsch, wenn er erfüllt,
Kriegt augenblicklich Junge.

Wilhelm Busch

 

 

 

 

Der unerfüllte Wunsch

Gut ist's, einen Wunsch zu hegen
In der Brust geheimstem Schrein,
Mit dem Wahn, an ihm gelegen
Sei dein volles Glück allein.

Gut ist's, daß der Himmel immer
Dir verschiebt die Wunschgewähr
Denn beglückt, du wärst es nimmer,
Und du hofftest es nicht mehr.

Friedrich Rückert

 

 

 

Die Nachtblume

Nacht ist wie ein stilles Meer,
Lust und Leid und Liebesklagen
Kommen so verworren her
In dem linden Wellenschlagen.

Wünsche wie die Wolken sind,
Schiffen durch die stillen Räume,
Wer erkennt im lauten Wind,
Ob’s Gedanken oder Träume?

Schließ ich nun auch Herz und Mund,
Die so gern den Sternen klagen;
Leise doch im Herzensgrund
Bleibt das linde Wellenschlagen.

Joseph Karl Benedikt Freiherr von Eichendorff

 

 

 

Mögen sich die Wege vor deinen Füßen ebnen,
mögest du den Wind im Rücken haben,
möge die Sonne warm dein Gesicht bescheinen,
möge Gott seine schützende Hand über dich halten.
Mögest du in deinem Herzen dankbar bewahren
die kostbare Erinnerung der guten Dinge in deinem Leben.
Das wünsche ich dir,
daß jede Gottesgabe in dir wachse und sie dir helfe,
die Herzen jener froh zu machen, die du liebst.
Möge freundlicher Sinn glänzen in deinen Augen,
anmutig und edel wie die Sonne, die aus den Nebeln steigend,
die ruhige See wärmt.
Gottes Macht halte dich aufrecht,
Gottes Auge schaue für dich,
Gottes Ohr höre dich,
Gottes Wort spreche für dich,
Gottes Hand schütze dich.

Altirischer Segenswunsch

 

 

 

 

 

Zwei Wünsche

Ach, zwei Wünsche wünsch ich immer,
leider immer noch vergebens.
Und doch sond’s die innig-frommstens,
schönsten meines ganzen Lebens:
Daß ich alle, alle Menschen
könnt mit gleicher Lieb umfassen
und das einige ich von ihnen
morgen dürfte hängen lassen.

Adolf Glaßbrenner

 

 

 

 

Ich wünsche Dir

Ich wünsche Dir Augen, die die kleinen Dinge des Alltags wahrnehmen und ins recht Licht rücken.
Ich wünsche Dir Ohren, die die Schwingungen der Untertöne im Gespräch mit anderen aufnehmen.
Ich wünsche Dir Hände, die nicht lange zögern, zu helfen und gut zu sein.
Ich wünsche Dir zur rechten Zeit das richtige Wort.
Ich wünsche Dir ein liebes Herz, von dem Du Dich leiten läßt.
Ich wünsche Dir: Freude, Zuversicht, Liebe, Gelassenheit, Glück, Demut.
Ich wünsche Dir Güte – Eigenschaften, die Dich das werden lassen, was Du bist und immer werden willst – jeden Tag ein wenig mehr.
Ich wünsche Dir genügend Erholung und ausreichend Schlaf, Arbeit, die Freude macht, Menschen, die Dich mögen und bejahen und Dir Mut machen, aber auch Menschen, die Dich bestätigen, die Dich anregen, die Dir Vorbild sein können, die Dir weiterhelfen, wenn Du traurig bist und müde und erschöpft.
Ich wünsche Dir viele gute Gedanken und ein Herz, das überströmt in Freude und diese Freude weiterschenkt...

Unbekannt

 


Ja, das möcht ich noch erleben

Eigentlich ist mir alles gleich,
Der eine wird arm, der andre wird reich,
Aber mit Bismarck – was wird das noch geben?
Das mit Bismarck, das möcht' ich noch erleben.

Eigentlich ist alles soso,
Heute traurig, morgen froh,
Frühling, Sommer, Herbst und Winter,
Ach, es ist nicht viel dahinter.

Aber mein Enkel, so viel ist richtig,
Wird mit nächstem vorschulpflichtig,
Und in etwa vierzehn Tagen
Wird er eine Mappe tragen,
Löschblätter will ich ins Heft ihm kleben –
Ja, das möcht' ich noch erleben.

Eigentlich ist alles nichts,
Heute hält's, und morgen bricht's,
Hin stirbt alles, ganz geringe
Wird der Wert der ird'schen Dinge;
Doch wie tief herabgestimmt
Auch das Wünschen Abschied nimmt,
Immer klingt es noch daneben:
Ja, das möcht' ich noch erleben.

Theodor Fontane

 

 

 

 

Möge Gott dir immer geben, was du brauchst:
Arbeit für deine fleißigen Hände,
Nahrung für deinen hungrigen Leib,
Antworten für deinen fragenden Geist,
Freude und Liebe für dein warmes Herz
und Frieden für deine suchende Seele.
Möge Gott weder deine Gesundheit
noch deine Vorräte
und deine Arbeit verringern.

Altirischer Segenswunsch

 

 

 

 

Ideal und Wirklichkeit

In stiller Nacht und monogamen Betten
denkst du dir aus, was dir am Leben fehlt.
Die Nerven knistern. Wenn wir das doch hätten,
was uns, weil es nicht da ist, leise quält.
Du präparierst dir im Gedankengange
das, was du willst – und nachher kriegst dus nie...
Man möchte immer eine große Lange,
und dann bekommt man eine kleine Dicke –
C'est la vie – !

Sie muß sich wie in einem Kugellager
in ihren Hüften biegen, groß und blond.
Ein Pfund zu wenig – und sie wäre mager,
wer je in diesen Haaren sich gesonnt ...
Nachher erliegst du dem verfluchten Hange,
der Eile und der Phantasie.
Man möchte immer eine große Lange,
und dann bekommt man eine kleine Dicke –
Ssälawih – !

Man möchte eine helle Pfeife kaufen
Und kauft die dunkle – andere sind nicht da.
Man möchte jeden Morgen dauerlaufen
und tut es nicht. Beinah ... beinah ...
Wir dachten unter kaiserlichem Zwange
an eine Republik ... und nun ist's die!
Man möchte immer eine große Lange,
und dann bekommt man eine kleine Dicke –
Ssälawih – !

Kurt Tucholsky

 

 

 

 

Worte in den Wind

Sei mir gegrüßt, du, den ich meine,
Und sende mir dreihundert Dollar zu
Und laß mich sonst im übrigen in Ruh,
Auf daß ich einmal über Großmut weine.

Besuche mich, wenn ich einmal allein bin,
Du fremde schöne und gewisse Frau!
Sei mir die ideal ersehnte Sau,
Doch sage nicht von mir, daß ich ein Schwein bin.

Wagt euch empor, die ich so gerne riefe,
Ihr einflußreiche, starke Knechtebrut!
Verbreitet mich und zieht vor mir den Hut
Und sagt mir schmeichelnd superste Lative.

Vergeßt mich nicht, ihr Freunde, die's nicht gibt,
Helft, Edelste, mir, wenn ich in Gefahr bin,
Bestätigt laut, daß ich so rein und wahr bin,
Und daß ihr mich ob meiner Schlichtheit liebt.

Du erhabnes, über Welt und Sternen
Ragendes und höchstes Etwas, komm!
Denk von mir, der kennen dich zu lernen
Nie die Ehre hatte: Der ist fromm!

Selbstverständlich sollst du ewig thronen! –
Bitte, bitte, mach mich niemals krank.
Könntest du - im voraus tiefen Dank –
Mich vielleicht auch mit dem Tod verschonen?

Joachim Ringelnatz
 

 

 

Barbarazweige

Am Barbaratage holt' ich
drei Zweiglein vom Kirschenbaum,
die setzt' ich in eine Schale,
drei Wünsche sprach ich im Traum.

Der erste, daß einer mich werbe,
der zweite, daß er noch jung,
der dritte, daß er auch habe
des Geldes wohl genung.

Weihnachten vor der Mette
zwei Stöcklein nur blühten zur Frist:
ich weiß einen armen Gesellen,
den nähm' ich wie er ist.

Martin Greif

 

 

 

Hüt' dich vor Wünschen, Menschenkind!
Die guten flattern fort im Wind
Und keiner ist, der taubenfromm
Zurück mit grünem Ölblatt komm!

Die schlimmen hascht der Teufel ein
Und stutzt nach seinem Sinn sie fein,
Erfüllt sie dir zu Leid und Last,
Wenn du sie längst bereuet hast.

Bernhard Endrulat

 

 

 

Zuspruch

Das Licht der Sonne
scheine auf Deinen Fenstersims.
Dein Herz sei voll Zuversicht,
dass nach jedem Gewitter
ein Regenbogen am Himmel steht.

Der Tag sei Dir freundlich,
die Nacht Dir wohlgesonnen.
Die starke Hand eines Freundes
möge Dich halten,
und Gott möge Dein Herz erfüllen
mit Freude und glücklichem Sinn.

Altirischer Segenswunsch

Aus der Ferne
diesen Wunsch:
Glückliche Sterne
und guten Punsch!
Jene für immer,
diesen für heut-
und nimm nichts schlimmer
als Gott es beut.

Raffe dich, sammle dich,
eins, zwei, drei,
und verrammle dich
gegen Hirnschlepperei.
Brich, was nicht halten will,
brich es entzwei!
Aber hältst du still -
ist es vorbei.

Theodor Fontane

 

 

Die Fledermaus

Ein kleines Mäuschen kroch
Stets unzufrieden in sein Loch;
Stet's wünscht' es: Wär' ich doch
Der kleine Vogel nur
Und flög' in freier Luft! Zeus sagte zum
Merkur:
Ich will der Närrin Wunsch gewähren,
Erscheine, Maus! - Sie kam,
den Götterspruch zu hören.
Wohlan, sprach Zeus, zum Zeitvertreib,
Geb' ich dir Flügel an den Leib.
Nun flieg!
Halb Vogel und halb Maus,
Flog sie und hieß die Fledermaus.
Merkur sah sie und lachte;
Nun fliegt sie nur bei Nachte.

Johann Wilhelm Ludwig Gleim

 

 

 

Wenig, wenig begehr' ich im Leben,
Wenig, wenig und doch so viel!
Gütige Götter! wollet mir's geben
Bis an all meiner Tage Ziel!

Rüstige Hand zu jeglichem Werke,
Das die Stunde mich schaffen heißt,
Frischen Mut und freudige Stärke,
Klare Stirne und klaren Geist.

Alle den Meinen, groß und kleine,
Rosige Wang' und ein lachend Aug'!
Feuer am Herde, Brot im Schreine
Und ein Tröpfelein Weins im Schlauch!

Frieden im Haus und im Herzen Frieden,
Und ein klingendes Saitenspiel!
Wenig, wenig begehr' ich hienieden,
Wenig, wenig und doch so viel!

Adolf Schults

 

 

Der Irisball

Und glich mein Sinn nun jenem zarten Ball,
Vom Hauch der Kinderlippen sanft geschwellt,
Langsam hinschwebend in der Sonne Glanz:
Nur eines Rosenstrauchs blüh'nde Pracht,
Nur eine lichte Sommerwolke spiegelnd
Von all' der weiten Herrlichkeit der Welt –
Verhauchend wollte ich, des Dankes voll,
In tausendfachem Irisglanz brechen
Den Strahl des Himmelslichts, der mich küßte.

Julius Lohmeyer

 

 

 

Die Stille

Es weiß und rät es doch keiner,
wie mir so wohl ist, so wohl!
Ach, wüßt' es nur einer, nur einer,
Kein Mensch es sonst wissen soll!

So still ist's nicht draußen im Schnee,
So stumm und verschwiegen sind
Die Sterne nicht in der Höhe,
Als meine Gedanken sind.

Ich wünscht', es wäre schon Morgen,
Da fliegen zwei Lerchen auf,
Die überfliegen einander,
Mein Herze folgt ihrem Lauf.

Ich wünscht', ich wäre ein Vöglein
Und zöge über das Meer,
Wohl über das Meer und weiter,
Bis daß ich im Himmel wär.

Joseph Karl Benedikt Freiherr von Eichendorff

 

 

 

Ich will heraus aus dieser Stadt

Ich weiß, daß Berge auf mich warten,
Draußen – weit –
Und Wald und Winterfeld und Wiesengarten
Voll Gotteseinsamkeit –

Weiß, daß für mich ein Wind durch Wälder dringt,
So lange schon –
Daß Schnee fällt, daß der Mond nachtleise singt
den Ewig-Ton –

Fühle, daß nachts Wolken schwellen,
Bäume,
Daß Ebenen, Gebirge wellen
In meine Träume –

Die Winterberge, meine Berge tönen –
Wälder sind verschneit –
Ich will hinaus, mit euch mich zu versöhnen!
Ich will heraus aus dieser Zeit,

Hinweg von Märkten, Zimmern, Treppenstufen,
Straßenbraus –
Die Waldberge, die Waldberge rufen,
Locken mich hinaus!

Bald hab ich diese Straßenwochen,
Bald diesen Stadtbann aufgebrochen
Und ziehe hin, wo Ströme durch die Ewig-Erde pochen,
Ziehe selig in die Welt!

Gerrit Engelke

 

 

 

Geh nicht vor mir...

Geh nicht vor mir in dieses unbesungne
In dieses dunkle Reich, das Keiner kennt;
Damit Dein Name, dieser lang verklungne,
Wenn ich ihn ruf, noch Dich mit Namen nennt.

Vertausche nicht Dein Angesicht mit jenen
Veränderlichen aus dem fremden Kreis,
Die oft im Traum vorübergehn und denen
Ich keinen Gruß und keinen Wunsch mehr weiß.

Laß mich beim Brot gedenken und beim Wein,
Daß Du noch glühst, laß nicht mit Schatten-Speise,
Mit Blut und Mehl verstohlen her Dich rufen,

Wie man Geschiedne ruft: es steigt ihr Schein
Und ihre unsichtbare Sohle leise
Erdwärts herauf die ungeheuren Stufen.

Maria Luise Weissmann

 

 

 

Blick in die Zukunft

Du schläfst bei mir. Da plötzlich, in der
Nacht, du liebe Dame,
Bist du mit einem Laut mir jäh erwacht –
War das ein Name?

Ich horche. Und du sagst es noch einmal –
Im Halbschlaf: »Leo...«
Bleib bei der Sache, Göttin meiner Wahl!
Ich heiße Theo.

Noch bin ich bei dir. Wenn die Stunde
Naht, da wir uns trennen:
Vielleicht lernt dich dann ein Regierungs-
rat im Teeraum kennen.

Und gibst du seinen Armen nachts dich preis,
den stolzen Siegern: –
Dann flüstre einmal meinen Namen leis
Und denk an Tigern.

Kurt Tucholsky

 

 

Wenig ist, was ich begehre,
Und doch steht es mir so fern;
aus dem ganzen Sternenheere
Einen einz'gen lieben Stern!
Und was Himmel, Erd' und Meere
Noch umfassen – ließ ich gern!

Joseph Christian Freiherr von Zedlitz

 

 

 

Frühlingsgedanken

Nicht wahr, ihr Alle wünscht, wenn einst die Stunde
Gekommen, wo die andern Wünsche enden,
In eurer Lieben Mitte zu entsenden
Den letzten Hauch vom todesblassen Munde?

Verlangt es mich im tiefsten Seelengrunde
Nach solchen Glückes heilig süßen Spenden,
Muß ich mich an den holden Frühling wenden,
Den einz'gen Freund, mit welchem ich im Bunde.

Und weil kein and'rer Gruß die dunkle Gruft
Mit Liebesschimmer sanft mir wird umfärben,
Wenn nicht sein Gruß als Licht und Sang und Duft,

Möcht ich mir dieses milde Loos erwerben:
Zur Zeit der Blühten und der sonn'gen Luft
An schönen Frühling's schönstem Tag zu sterben!

Betty Paoli

 

 

 

Man kann im Wünschen sich vergessen,
Man wünschet leicht zum Überfluß,
Wir aber wünschen nicht vermessen,
Wir wünschen, was man wünschen muß.
Denn soll der Mensch im Leibe leben,
So brauchet er sein täglich Brot,
Und soll er sich zum Geist erheben,
So ist ihm seine Freiheit not.

Ludwig Uhland

 

 

 

Ich bin ein Schimmer im Schatten.
Kein Sternenlicht schwimmt in der Luft.
Ich schwebe durch blühende Matten
Und fühle sie nur am Duft.

Ich hör' meinen Fuß nicht gehen,
Irr' ohne Gewicht durch die Flur:
Ich komme vom Auferstehn
Und geiste auf alter Spur.

Ich möcht' wieder Blumen harken
Und Hoffnungen weben zum Band,
Euch haschen, ihr frohen, ihr starken
Glücksstunden im Sonnenland!

Jakob Boßhart

 

 


Die Möwe

In hoher Luft die Möwe zieht
Auf einsam stolzen Wegen,
Sie wirft mit todesmuth’ger Brust
Dem Sturme sich entgegen.

Er rüttelt sie, er zerrt an ihr
In grausam wildem Spiele –
Sie weicht ihm nicht, sie ringt sich durch,
Gradaus, gradaus zum Ziele.

O laß mich wie die Möwe sein,
Wie auch der Sturm mich quäle,
Nach hohem Ziel, durch Kampf und Not:
Gradaus, gradaus, o Seele!

Anna Ritter

 

 

 

Mein Testament

Fällt sie zu anderm Staub' dahin,
Die abgetragne Hülle,
So ist, ihr Freunde, dies mein Wille,
Und bleibt mein unveränderlicher Sinn:

Von aller meiner Habe
Gehöre meine Lust dem Traurigen,
Mein Schmerz dem stillen Grabe,
Mein Gold dem Geizigen,
Mein Mut dem Redlichen, den man gern unterdrückte,
Mein Garten, die Natur,
Wo ich der Freuden viele pflückte,
Und mein Gesang, die Frucht von meinen Frühlingstagen,
Dem frommen Zärtlichen,
Und meine liebste Flur
Der Freundschaft stillen Klagen.

Karoline Christiane Louise Rudolphi

 

 

 

Warnung und Wunsch

Lebe nicht so schnell und stürmisch;
Sieh den holden Frühling prangen,
Höre seine Wonnelieder;
Ach, wie bleich sind deine Wangen!

Welkt die Rose, kehrt sie wieder;
Mit den lauen Frühlingswinden
Kehren auch die Nachtigallen;
Werden sie dich wiederfinden? –

Könnt' ich leben also innig,
Feurig, rasch und ungebunden,
Wie das Leben jenes Blitzes,
Der dort im Gebirg verschwunden!

Nikolaus Lenau

 

 

 

Zweifelnder Wunsch

Wenn Worte dir vom Rosenmunde wehen,
Bist du so schön! – gesenkten Angesichts
Und still, bist du so schön! – was soll ich flehen;
O rede mir!? O sage nichts!?

Drum laß mich zwischen beiden Himmeln schwanken,
Halb schweigend, sprechend halb, beglücke mich
Und flüstre mir, wie heimlich in Gedanken,
Das süße Wort: Ich liebe dich!

Nikolaus Lenau

 

 

 

Wunsch

Wohl sagt man, wenn ein Stern vom Himmel fällt,
Dann soll man wünschen, – und es wird geschehen;
Zwar bin ich arm, doch Güter dieser Welt,
Die werd' ich nie vom Herrn erflehen.
Nun saß ich neulich einsam und allein
Und dachte dein – und sah hinauf zur Ferne
Durch dunkle Nacht zum lichten Silberschein
Der Millionen kleiner Sterne;

Da fiel ein Stern, – und deutlich sah und klar
Mein Auge ihn in seinem Glanz vergehen,
Und alles was ich wünschte, – ach, es war,
Nur einmal, einmal dich zu sehen!

Johann Meyer

 

 

 

Verfrüht

Papa, nicht wahr,
Im nächsten Jahr,
Wenn ich erst groß
Und lesen kann und schreiben kann,
Dann krieg ich einen hübschen Mann
Mit einer Ticktackuhr
An einer goldnen Schnur.
Der nimmt mich auf den Schoß
Und sagt zu mir: Mein Engel,
Und gibt mir Zuckerkrengel
Und Kuchen und Pasteten.
Nicht wahr, Papa?
Der Vater brummt: Na, na,
Was ist das für Gefabel.
Die Vögel, die dann flöten,
Die haben noch keinen Schnabel.

Wilhelm Busch

 

 

 

 

Sternschnuppenfall, Sternschnuppenfall!
Heut will ich nicht schlafen und immer nur wünschen,
Und alles wird in Erfüllung gehn:

Ein Kleid aus Seide, aus schneeweißer Seide,
Mit uralten Spitzen aus Brabant,
Und jeder Knopf ein Diamant;

Ein Diadem aus lauter Türkisen,
Dazwischen Brillanten, wie Wasser klar,
Das paßt am besten ins schwarze Haar;

Sternschnuppe, ein Halsband aus großen Perlen;
Und du, Sternschnuppe, ich bitte dich,
Such Perlen ohne Thränen für mich;

Dann wünsch' ich ein Paar ganz kleiner Pantoffel,
Kleiner, viel kleiner als mein Fuß,
Aber das mir doch passen muß!

Zu alledem wünsch' ich mir einen Liebsten…
O weh, die Mutter! Sie jagt mich ins Bett!
Ach, wenn ich nur erst einen Liebsten hätt!

Hugo Salus

 

 

Wünsche

Was ich mir wünsche? …
An jedem Tag
Ein Herz voll Sonne und Amselschlag.
Rote Rosen an meinen Wanderwegen,
Meines Gottes und guter Menschen Segen.
Wiesen und tiefe Waldeinsamkeit,
Lieder und auch mein Bündlein Leid.
Eine Seele, die Tags in die Sonne singt,
Mit stillen Sternen den Reigen schwingt,
Und am letzten Tag einen höchsten Flug
In die Sonne hinein…
Das wär mir genug!

Karl Ernst Knodt

 

 

 

Ungelöster Zwiespalt

Die Lüfte sind nicht lau, nicht rau,
Nicht Lenz ist und nicht Herbst es;
Des Himmels lachend Ätherblau,
Du, Wetterwolke färbst es.

Lust reift und Leid im Erdenschooß,
Hier liebt das Herz, dort haßt es,
Herab schaut auf der Hütte Moos
Das Banner des Palastes.

Die Stirn ist heiß, die Hand ist kalt,
Das Gleichmaß ging verloren …
Wär' ich nur tausend Jahre alt!
Wär' ich nur nie geboren!

Carl Heinrich Saxen-Hausen

 

 

 

Die Ströme ziehn zum fernen Meer,
Die Wolken am Himmel fliehen,
Und wenn ich ein flüchtiges Vöglein wär',
So möcht' ich mit ihnen ziehen.

Und bin ich kein Vogel in der Luft,
So lernt ich doch pfeifen und singen;
Und kommt der Lenz mit Klang und Duft,
Dann mein ich, es wüchsen mir Schwingen.

Und kann ich auch nicht über Wald und Heid,
Über Seen und Berge schweben,
So kann ich mich doch über das kleine Leid
Des kleinlichen Lebens erheben.

Heinrich Leuthold

 


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